Ich liebe die Toskana. Jenes wunderschöne Fleckchen Erde mit seinen hügeligen Landschaften im Norden Italiens. Ob die Metropole Florenz im Norden der Region, Arezzo, Pisa oder Siena, irgendwie fasziniert mich das Land der Weinreben, der Olivenbäume und Pinien. Wenn es da nicht auch den Winter gäbe. Vom vielen Schnee haben wir hier zu Lande langsam genug. Die weiße Pracht war es auch, die uns ein bisschen von der Faszination an der Toskana diese Woche nahm.
Ich war wieder mal auf Geschäftsreise. In der Toskana. Mit VW, Adria Air und Air Partner als Organisator der Reise im Auftrag des Autobauers. Mein Timing war minutiös geplant, so dass ich, wenn es denn nicht anders gekommen wäre, rechtzeitig am späten Vorabend der ITB in Berlin gewesen wäre. Und ich hätte auch den lieben langen ganzen Tag des 10. März die zahlreichen festen Termine auf der ITB absolvieren können. Hätte. Nun, unser Rückflug sollte mit einer CRJ 200 der Adria Air, Mitglied der Star Alliance, pünktlich um 13.25 Uhr am 09. März ab dem kleinen Florentiner Flughafen Amerigo Vespuci erfolgen. Dass es anders kommen würde, hate ich irgendwie im Gefühl. Draußen schneit`s, es ist saukalt (Deutschland lässt grüßen) und heftige Winde fegen übers Land.
Zusammen mit etlichen weiteren Kollegen waren wir Punkt 10 Uhr am Airport. Da hatten wir noch gute Laune. Einchecken einschließlich aller Feinheiten wie Schuhe ausziehen, Gürtel ablegen und Reisetaschen durchwühlen, dann ab in den kleinen, wenig einladend wirkenden Wartebereich des Terminals einer der meist besuchtesten Touristenmetropolen Italiens. Lounge gibt’s dort nicht und auch sonst keinerlei Annehmlichkeiten. Die Boardingzeit 12.45 Uhr war längst vorbei. Der Blick nach draußen verheißt nichts Gutes. Keine Änderung an den Anzeigetafeln. Dann tauchte eine neue Zeit auf: 13:55 Uhr. Das geht ja noch. Nach kurzer Zeit erlischt unser Bildschirm. Überall fragende Gesichter. Eine Air Partner-Mitarbeiterin telefoniert, VW-Leute ebenfalls. Vom Flughafenpersonal keine Seele zu entdecken. Eine halbe Stunde später leuchtet unser Bildschirm wieder auf: 13.55 Uhr Monaco. Okay. Dann geht der Schirm wieder aus. Irgendwann, es war inzwischen nach 14:30 Uhr, tauchen plötzlich zwei Ladies vom Bodenpersonal auf. Aha, jetzt also geht’s los. Die Prozedur mit dem Abreißen der Boardingcard kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Endlich im Bus. Und wieder 20 Minuten rumstehen. Endlich startet der Bus. Bloß schnell rein in die enge Maschine, in der man sich wie in einer Sardinendose vorkommt. Enge unbequeme Sitze, kaum Platz den Laptop auszupacken, Beinfreiheit fast Null. Aber das hatten wir schon auf dem Hinweg so.
Es ist 15 Uhr. Der Pilot heißt uns in gebrochenem krächzenden Englisch willkommen und erzählt uns auch gleich was, dass die Wetterbedingungen zu schlecht zum Starten seien und wir noch etwas Geduld haben sollten. Er würde sich wieder melden. Inzwischen spazieren zwei hübsche Flugbegleiterinnen durch die Reihen, servieren allerlei Getränke und den bekannt katastrophalen Snack (Salami oder Käse? – Salami war undefinierbarer Schinken, ich hab‘ einmal `reingebissen und das ungenießbare Sandwich dann wieder weggelegt). 16 Uhr. Der Pilot meldet sich wieder: Verkündet uns, dass wir noch eine Stunde warten müssen. Okay. Das hebt die Stimmung auch nicht. 17 Uhr. Wieder der Pilot: „Es wir jetzt bald dunkel, wenn sich die Wetterbedingungen nicht bald ändern, wird es nichts mehr mit unserem Rückflug nach München.“ 17:30 Uhr: Die Entschuldigung aus dem Cockpit ist kurz und knapp. Alle raus, das war’s für heute. Gewundert haben wir uns schon ein bisschen, denn in der Zwischenzeit war zumindest ein Air France vierstrahliger Avrojet Rj85 gestartet, und das auch noch mit dem Wind. Der kam hoch. Und wir mit unserem Zweistrahler? Geht nicht, die Start-/Landebahn ist mit knapp 1.600 m zu kurz.
Draußen vor dem Terminal warten schon VW-Busse, die uns im bergigen Hinterland von Florenz verteilen. Unterwegs schneit es was das Zeug hält. Endlich im Fünf-Sterne-Haus angekommen Verteilung auf die suitenähnlichen Zimmer, schön aber bitterkalt. Am Abend dann mit netten Kollegen bei Pasta, Chianti und/oder Bier das Fußballspiel der Bayern gegen Florenz geguckt. Die Bayern spielten mies, kamen trotzdem weiter aber ganz so viel hatten wir nicht vom Spiel; denn die Sky-Übertragung in angeblicher HD-Qualität war zu 90 % so gestört, dass man gar nicht erst was erkannte. Am späten Abend Anruf der VW-Servicestelle: Für uns sind Lufthansa-Flüge am nächsten Morgen ab Bologna gebucht. Ich bekam meinen Buchungscode. Alles wird gut, dachte ich und versuchte bei Eiseskälte im Zimmer die Nacht irgendwie hinter mich zu bringen.
Der nächste Morgen in aller Herrgottsfrühe: Wieder zwei VW-Shuttles vor der Tür, Gepäck einladen und ab auf die Autobahn Richtung Bologna. Was für eine Fahrt: Es schneit was Frau Holle herunterschütteln kann, Schnee und Eis auf den Fahrbahnen, die ganze Autobahn durch die Berge über tausend Brücken und Tunnels ein einziger Parkplatz voll mit Lkw. Staus ohne Ende, Durchschnittsgeschwindigkeit ca. 30 km/h. Ob wir wirklich fliegen? Kurz vor Bologna klingelt das Handy. Ich hab’s mir gedacht. Heute geht ab Bologna kein Flug mehr raus. Schneechaos in Norditalien. Das kenne ich sonst nur von München oder Frankfurt. Kommando zurück.
Endlich wieder an unserer Relaisstation in Florenz. Großes Rätselraten. Kein Mensch weiß Bescheid. Und wie komme ich jetzt nach München? Ein paar Leute tun sich mit mir zusammen, wir wollen ein Auto nehmen. Erst eine vorsichtige Zusage des Veranstalters, nach einer Stunde kommt ein Nein. Kein Auto da. Mietwagen? Sinnlos. Die Straßen Richtung Nord sind alle zu. 20 Stunden nach München, das wollte ich mir dann doch nicht antun. Einzig die Bahn fährt. Mit dem Frecciarossa mit Tempo 300 km/h in 30 Minuten nach Bologna und dort umsteigen in einen Zug nach München. Hätte geklappt, wenn nicht die Zeit so weit vorangeschritten wäre. Nach Bologna wären wir mit 20 Zügen noch gekommen, von dort aber nicht mehr weiter über die Alpen nach München. Es war schlicht zu spät.
Dann die Idee, vier Stunden runter nach Rom mit dem Auto, um von dort nach München zu fliegen. Zu umständlich. Wurde auch verworfen. Schließlich tauchte eine nette Mitarbeiterin von Air Partner auf. Wir fahren nach Pisa mit dem Bus, dort steht unsere Maschine nach München, ab Pisa können wir fliegen.
Wieder eine Stunde Autofahrt, dann Ankunft am Terminal. Angeblich sollen wir zu Schalter 14 unb d 15. Wir sind da, aber nur wir. Um uns herum alle Schalter besetzt, nur unsere nicht. Dann kommt eine resolute junge Dame und sagt uns, wir könnten unsere Sachen packen und wieder zurück nach Florenz. Unser Flug sei nicht gemeldet; im übrigen sei heute auch kein Bodenpersonal für die Abfertigung unseres Flugs eingeplant. Besonders irrwitzig: Die Dame meinte noch: Wir sollten uns am Flughafen Florenz neue Boardingcards besorgen und dann wieder nach Pisa zurückkehren, weil unser Flug vielleicht am Abend durchgeführt werden könnte. Auch die Air Partner-Lady mischt sich ins Streitgespräch ein, wird aber brüsk abgewiesen. Achselzucken. Und jetzt?
Es gibt aber auch in Italien noch verständnisvolles Flughafenbodenpersonal. Das näherte sich in Gestalt von „Valentina“. Das war eine Vorgesetzte unserer vorherigen ziemlich schnoddrigen Gesprächspartnerin. Valentina erklärte uns, warum unser Flug bis Auf Weiteres unmöglich sei – da hat es offensichtlich heftige Kommunikationsstörungen zwischen Airline, dem Charterer Air Partner und den Flughäfen Florenz und Pisa gegeben, so dass keiner wusste, was Sache war. Valentina wusste Rat. Na Gottseidank. Sie versprach alles zu tun, dass wir heute (10. März) noch nachhause kommen. Aber erst bat sie uns in die VIP-Lounge. Wenigstens gibt es so etwas in Pisa. Und Pizza bestellt hat Valentina für uns auch noch. Die Zeche zahlte aber nicht der Flughafen Pisa, versteht sich.
In Gedanken hatte ich schon meinen Besuch auf der ITB abgehakt. Ob wir jetzt noch aus Italien rauskommen? Plötzlich ging alles ruckzuck. Valentina erschien: „Sie können boarden“. Sicherheitsschleusen passiert, ein paar Minuten im Wartebereich und dann sind wir abgedüst. In München sich gelandet brach die Dunkelheit langsam herein. Ich war inzwischen 28 Stunden später dran als geplant. Jetzt nur noch ins Auto und in unsere Druckerei nahe der österreichischen Grenze. Und dann über Nacht 800 km nach Berlin zur ITB. So hatte ich es mir zwangsweise vorgenommen. Für ein paar Stunden fielen mir unterwegs dann doch die Augen zu. Und jetzt wissen Sie, warum ich erst zur Mittagszeit des 11. März auf der ITB aufgetaucht bin.
Es scheint, als würde mit dem Programmieren des Navigationsgerätes der Verstand auf Sparflamme gesetzt. Schließlich weiß ja die Technik, wohin es geht. „Man gibt einen Teil der Verantwortung an das Navi ab“, sagt z.B. Verkehrspsychologin Marion Seidenberger vom ÖAMTC.
Man denkt nicht mehr mit, achtet nicht auf den Kilometerstand, nicht auf die Umgebung – „und wenn dann die Ansage kommt, führt man den Befehl aus. Eine Art blinder Technikgläubigkeit, die gerade bei Autofahrern häufig anzutreffen ist. Es ist ja auch zu verführerisch, und bequem noch dazu: sich einfach von einer Stimme leiten lassen, sich hingeben den Anweisungen aus dem Lautsprecher – und selbst keine Entscheidungen treffen müssen. Daran könnte man sich gewöhnen. Und tut es auch, was spätestens dann klar wird, wenn Fahrer plötzlich ohne die Stimme aus dem Off den Weg finden müssen. Da zeigen die navigatorischen Entzugserscheinungen so richtig die Abhängigkeit von der Technik.
Wer jemals sein Auto mit Einparkhilfe für einige Zeit gegen ein Modell ohne hörbare Abstandsmessung eintauschen musste, wird den Effekt kennen – plötzlich ist man beim Rückwärtseinparken wieder ganz allein und auf seine eigene Einschätzung der Entfernung zum Auto in der nächsten Parklücke angewiesen. Die genannten Beispiele führen ein grundlegendes Dilemma vor Augen: Auf der einen Seite macht Technik das Leben leichter. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass man sich zu sehr auf sie verlässt – mit allen Konsequenzen. Etwa, wenn Menschen sich keine Daten wie Telefonnummern mehr merken können, weil sie sie alle im Handy eingespeichert haben. Wissenschaftler verwenden für dieses Phänomen den Begriff „Digitale Demenz“.
Ein solcher kulturpessimistischer Begriff passt nicht in die Welt von Gerald Steinhardt. „Man könnte auch fragen: Müssen wir wirklich unseren Kopf mit Ziffernfolgen zumüllen? Oder können wir ihn nicht für andere Dinge freihalten?“ Der Dekan der Fakultät für Informatik der TU Wien bezweifelt, dass uns Technik an sich verdummen lässt. Denn zunächst öffnen sich neue Möglichkeiten – die eben zum Teil auch mit Verlusten verbunden sind, „und diese Verluste betrauern wir“. Aber er gibt z.B. zu: „Der Niedergang des Kopfrechnens durch den Einzug des Taschenrechners in den Schulalltag könnte bedeuten, dass die Einübung in bestimmte räumlich vorgestellte Rechenoperationen erschwert wird.“
Letztlich sei es vor allem eine Frage, wie mit Technik umgegangen wird. „Es gibt eine Tendenz, der Technik eine Verantwortung zuzuweisen“, so Steinhardt. Da misstraut man etwa zunehmend der eigenen Körperwahrnehmung – und braucht ein technisches Gerät. Verstärkt wird diese Technikgläubigkeit durch die digitalen Technologien: Konnte man früher etwa bei Autos noch sehen und verstehen, wie mechanische Teile arbeiten, ist bei der Computertechnologie längst nicht mehr nachvollziehbar, was in einem Gerät abläuft. „Damit werden diese Dinge undurchschaubar, bekommen etwas Magisches.“ Und wir sind zunehmend gewillt, das zu akzeptieren. Mit der Technikgläubigkeit lässt sich so mancher Navi-bedingte Umweg oder Ausritt in die Pampa, ins Hafenbecken etc. nicht verhindern. Noch braucht man dazu das Gehirn. Auch wenn manche Autofahrer das zeitweilig vergessen.