Panorama

Stunde der Wahrheit nach der Bundestagswahl

Hans-Olaf Henkel, Ex-BDI-Präsident und heute Honorarprofesssor an der Uni Mannheim, sieht schwarz für die Bundesbürger. In seinem aktuellen Buch geht Henkel mit der politischen Elite hart ins Gericht. Und In einem hoch spannenden Interview mit Focus Money lässt Henkel keinen Zweifel daran, dass die Bundesbürger erst nach der Bundestagswahl reinen Wein eingeschenkt bekommen und, dass sie massiv zur Kasse gebeten werden, um Banken und den Euro am Leben zu erhalten.

Das Interview in voller Länge auf  www.finanzen100.de/finanznachrichten/wirtschaft/euro-krise-hans-olaf-henkel-unser-geld-geht-vor-die-hunde_H181725851_62964/

Von einer Wende zum Besseren und einer Stabilisierung des Euros kann nach Ansicht Henkels keine Rede sein. Die Weltwirtschaft wächst in diesem Jahr zwar um 2 bis 3 %, die Euro-Zone – einschließlich des bescheidenen deutschen Wachstums von 0,5 % – schrumpft. Da könne man wohl schlecht sagen, dass die Euro-Krise vorbei ist, so Henkel, der davon überzeugt ist, dass die Eurozone samt Deutschland in eine Dauerkrise hineingeschlittert ist, in der sie sich wahrscheinlich zehn Jahre darin befinden.

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Henkel gibt sich im Focus-Money-Gespräch überzeugt, dass relativ kurz nach der Bundestagswahl das Thema Griechenland wieder hochkocht. Und dass dann Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble u.U. vor dem Bundestag zugeben muss, dass das, was er den Deutschen vor der Wahl versprochen hatte, wieder einmal nicht zu halten sein wird. Er kenne keinen ernst zu nehmenden Ökonomen, der in den letzten Wochen nicht zugegeben hätte, dass ein Schuldenschnitt unausweichlich ist, und dann trifft es auch wieder den deutschen Steuerzahler, nur diesmal direkt und mit größerer Wucht. „Bis zur Bundestagswahl werden wir hinters Licht geführt.“ Er sehe überhaupt keine Chance, nicht die geringste, dass Griechenland mit einem zu starken Euro je wieder wettbewerbsfähig werden kann. Man sehe doch heute ganz deutlich, dass der Euro viel zu schwach für die Deutschen und viel zu stark für die Griechen geworden ist.

Aber Griechenland sei nicht einmal das größte Problem. Griechenland ließe sich vielleicht noch verkraften, aber anders sieht es schon mit Portugal, Spanien oder Italien aus. Die größte Herausforderung und Gefahr ist nach Henkels Ansicht Frankreich. Jeder wisse, so der frühere BDI-Chef, dass der Produktivitätsunterschied zwischen dem Süden der Euro-Zone und Deutschland einer der Hauptgründe für die Probleme des Euro ist. Aber dieser Unterschied soll nun nicht nur durch französische Reformen, sondern auch durch eine geringere Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität Deutschlands abgebaut werden. Genau das sei die Forderung führender französischer Politiker: Sie wollen die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie untergraben und dadurch die Unterschiede in der Euro-Zone glätten. Paradoxerweise führt auch die Energiewende zu einer Stabilisierung des Euro-Systems, denn die Energiekosten der deutschen Industrie steigen rasant an, die der französischen Wirtschaft nicht. So könne der Euro zwar gerettet werden, allerdings zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit praktisch der gesamten Euro-Zone. Und Deutschland würde darunter am meisten leiden, belastet würden aber auch Österreicher, Holländer und die  Finnen.

Henkel: „Ich habe mich in meinem Buch an ein Zitat von Friedrich Nietzsche gehalten: „Fantasten belügen sich selbst, Lügner andere.“ Und mir ist manchmal wirklich nicht klar, ob etwa Herr Schäuble wirklich glaubt, was er sagt, oder bewusst mit dem, was er sagt, nur die nächste Runde auf dem Weg zu einem europäischen Zentralstaat einläuten will. Ich stelle Fakten zusammen und überlasse es dem Leser, selbst zu entscheiden, wen er zu den Fantasten und wen zu den Lügnern zählt. Explizit nenne ich nur einen beim Namen: den langjährigen Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker, der das Lügen zur Staatskunst erhoben hat. Der sagte schließlich selbst: „Wenn es ernst wird, muss man lügen.“ Ich dagegen denke, dass es genau andersherum ist: Gerade wenn es ernst wird, darf man nicht lügen, sondern muss dem Volk die Wahrheit sagen. Was ist das für ein europäisches Friedensprojekt, welches auf dem Fundament von gebrochenen Versprechen, Vertragsbrüchen und Lügen steht?“

Nur hierzulande werde man, wenn man die Politik kritisiert, als Antieuropäer, Ewiggestriger oder gar als Rechtsaußen tituliert. Das sei die übliche Methode, wie man, unterstützt von einigen Medien, mit Leuten fertig wird, die es wagen, ohne Tabus über solche Fragen nachzudenken, zu diskutieren oder sogar Alternativen vorzuschlagen, wird Hans-Olaf Henkel im Interview zitiert. Die deutsche Gesellschaft sei in dieser Frage zur Vier-Augen-Gesellschaft geworden. Er bekomme immer öfter Unterstützung für seine Thesen – aber unter vier Augen oder im kleinen Kreis. Es gebe nur ganz wenige deutsche Persönlichkeiten, die wie Wolfgang Reitzle den Mut haben, zu diesem Rettungswahnsinn auch öffentlich etwas zu sagen.

Nach der Bundestagswahl wird den Worten Henkels zufolge die europäische Einlagensicherung auf die Bundesbürger zukommen. Es gebe bereits jetzt klare Aussagen von EU-Währungskommissar Olli Rehn und dem neuen Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem, die eine europäische Einlagensicherung für unausweichlich halten. Und das bedeutet im Klartext nichts anderes, als dass in Zukunft die Einlagen deutscher Sparer mithelfen sollen, bankrottgefährdete Banken im Süden zu retten. Damit hätte man zum ersten Mal einen direkten Weg von deutschen Sparkonten in südländische Banken. Irgendwann nach der Bundestagswahl werde es dann auch so geschehen, dass der deutsche Sparer für riskante Bankengeschäfte im Süden haften muss. Und nach der Bundestagswahl werde eine europäische Bankenunion inklusive der Haftung deutscher Sparer kommen, die heute schon beschlossen ist, was mit Rücksicht auf den Wahltermin aber niemand auszusprechen wagt.

Es sei völlig klar, dass aus der Währungsunion, wie sie einmal sein sollte, inzwischen eine Transferunion geworden ist, die unweigerlich in eine Schuldenunion münden wird. Am Ende dieser Entwicklung wird eine Inflationsunion stehen. Und am Ende wird eine vom Staat induzierte Inflation mit Steuererhöhungen, Lastenausgleich oder sogar Enteignungen à la Trittin stehen.

Die Euro-Lügner: In seinem neuesten Buch geht Hans-Olaf Henkel mit der politischen Elite hart ins Gericht. Er analysiert das Kartell der Vertuscher und überlässt dem Leser das Urteil, ob Politiker lügen oder Fantasten sind. Hans-Olaf Henkel: „Die Euro-Lügner“, Heyne Verlag, 272 Seiten, ISBN: 978-3-453-20058-6, 19,99 Euro

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