Automobil

16. Februar 2017 | Von: Gernot Zielonka

Diesel als Geschäftswagen noch empfehlenswert?

Können Mobilitätsmanager für ihre Firmenfahrzeugflotten noch guten Gewissens Diesel-Autos ordern? Sollten Freiberufler nicht besser auf Benziner, Hybride oder gar Elektroautos umsteigen? Immer mehr Experten befürworten den Ausstieg aus dem Selbstzünder. Denn Diesel macht nachweislich krank, und das gilt selbst für die aktuelen modernsten Selbstzündermodelle: Die WHO warnte davor schon 2012. Die EU-Kommission mahnt seit Jahren bessere Luft in den Städten an. Am Donnerstag, 17. Februar 2017, verhandelt der Verwaltungsgerichtshof in München die Konsequenzen.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, hält Diesel-Fahrverbote in deutschen Städten für unvermeidlich. Nach seiner Ansicht wird man um die Fahrverbote in einzelnen Städten nicht drum rum kommen werden, so sagte er es im Bayerischen Rundfunk. In rund 80 Städten und Regionen sei die Stickoxid-Problematik besonders groß. Es gebe einzelne Reginen, wo er nicht sehe, dass man gesunde Bedingungen ohne Fahrverbote schaffen kann. Darunter fallen die Regionen München und Stuttgart.

Wirklich „sauber“ ist beim Thema Diesel niemand, heißt es im Beitrag des BR. Und geschädigt seien nicht nur VW-Fahrer, sondern jeder, der innerorts gelegentlich Luft holt. Dass Dieselabgase der Gesundheit schaden, ist keine Glaubensfrage, sondern wissenschaftliche Tatsache. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bis 2012 über 35 Studien ausgewertet und stuft die Emissionen seitdem nicht mehr als "potenziell krebserregend", sondern als "krebserregend" ein - ein kleiner, aber für viele Tausend Menschen tödlicher Unterschied, der zeigt, dass die Schwaden aus dem Dieselauspuff noch gefährlicher sind als etwa Glyphosat.

Eine GFS-Studie im Auftrag des Umweltbundesamts legt - ebenfalls schon 2012 - nahe, dass Dieselautoabgase in Deutschland pro Jahr für 10.000 bis 19.000 "vorzeitige Todesfälle" verantwortlich sind. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Neu ist seit 2015 nur die Erkenntnis, dass Dieselfahrzeuge weit mehr Schadststoffe in die Luft pusten, als die durch Abschaltvorrichtungen und absurd unrealistische Tests erzeugten Zahlen der Autoindustrie uns glauben machten - und dass sich daran in naher Zukunft wenig ändern wird. Auch bei den neuen Euro 6-Dieseln fällt im ADAC-Praxistest die Hälfte glatt durch. Und eine im Januar veröffentlichte neue Studie kommt zum überraschenden Ergebnis, dass selbst moderne Diesel-Pkw mit 500 Milligramm pro Kilometer mehr als doppelt soviel Stickoxid ausstoßen wie Lkw.

Schädlich sind vor allem zwei Bestandteile: Feinstaub und Stickstoffoxid (NOx). Für Dr. Josef Cyrys, Epidemiologe am Helmholtz Zentrum in München, sind die 2005 beschlossenen und danach - anders als geplant - nicht weiter verschärften Grenzwerte für Feinstaub zu hoch. Die Grenzwerte für Stickoxid hält er nach aktueller Studienlage für ausreichend. Das Problem: sie werden selten eingehalten.

Im Fall der Atomkraft, die über Jahrzehnte als alternativlos gehandelt wurde, reichte nach Fukushima ein Machtwort der Kanzlerin und eine gemeinsame Kraftanstrengung zum Ausstieg. Beim Diesel ist davon nichts zu spüren - und das, obwohl die EU gegen Deutschland wegen der Feinstaubbelastung in Leipzig und Stuttgart bereits 2013 ein Vertragsverletzungsverfahren eröffnet hat. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) fordert immer wieder Fahrverbote für Diesel und schlug im Sommer eine "blaue Plakette" vor, die die Städte in Eigenregie vergeben könnten - womit sich auch Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) anfreunden könnte. Doch Verkehrsminister Alexander Dobrindt, Scharfs Parteifreund, blockt vehement ab. Zu den Leugnern der Dieselproblematik zählen auch VDA-Präsident Mathias Wissmann und der Bundesverband Fuhrpark, aus aus deren Sicht verständlichen Gründen. 

Immer mehr Ballungszentren hier zu Lande haben ein ganz dickes Stickoxidproblem. Die Folge: Politischer Stillstand im weiter rollenden Verkehr. Die Kommunen fühlen sich alleingelassen. Helmut Dedy fürchtet, dass Fahrverbote für Diesel die Innenstädte lahmlegen, geht aber davon aus, dass sie irgendwann kommen werden - die Frage ist wann. Das ist nur eine Unsicherheit, der sich Diesel-Fahrer gegenübersehen. Zwar ist der Wiederverkaufswert von Dieselfahrzeugen bisher relativ stabil. Das aber könnte sich ändern: Neue Diesel aller Marken stehen bei manchen Autohändlern bereits jetzt wie Blei im Schaufenster. Auch die deutsche Steuersubventionierung von Dieselkraftstoff in Höhe von 22 Cent ist angesichts unerfüllter Elektromobilitätshoffnungen der Politik nicht in Stein gemeißelt. Die Trendumkehr weg vom Diesel liegt in der Luft. Von Januar bis Dezember 2016 sank der Anteil verkaufter Dieselfahrzeuge laut Kraftfahrtbundesamt von 48,7 auf 43,5 %. Die Schweizer Bank UBS prognostiziert sogar einen europaweiten Rückgang der Dieselzulassungen von rund 50 auf 10 % bis 2025. Quelle: Bay erischer Rundfunk / Deutscher Städtetag / DMM

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