Geschäftsreise

12. April 2018 | Von: Gernot Zielonka

Geschäftsreise nach London

Als vielfliegender Businesstraveller, der ich nun mal bin, erlebt man schon Einiges. Jedenfalls kann ich meine Memoiren um ein spektakuläres Kapitel erweitern. Der 10. Und 11. April 2018 werden sicher in meine Aufzeichnungen Eingang finden, nicht nur, weil wieder mal die Flüge, die ich eigentlich nehmen wollte, ausfielen. Sie ahnen’s schon: Die Geschichte hat mit dem Streik am Flughafen von München einerseits und allem Weiteren zu tun.

Aber der 10. April selbst war gar nicht so wild. Nach zehn Stunden (Nomen est Omen) jedenfalls war ich endlich am Ziel meiner Wünsche, einem der wohl besten Tagungshotels in London (das ist übrigens eine meiner Lieblingsstädte in Europa). Abgesehen davon, dass ich auf meinen Abholer eine geschlagene Stunde warten musste, weil dem eine falsche Flugnummer gesagt worden war und er demzufolge viel später losgefahren war, um mich am International Arrival aufzugabeln und abgesehen davon, dass ich eigentlich mittags da sein wollte, war's inzwischen 21.30 Uhr britischer Zeit, also Halbelf nach deutschem Zeitverständnis. Der Abend entschädigte aber für alle Unbill vorher dank überaus netter Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt.

Was indes drei meiner Kollegen und Kolleginnen - die nach getaner Arbeit am Mittwoch am Nachmittag nach München zurückfliegen wollten, noch nicht ahnen konnten, waren die Highlights, die uns an jenem denkwürdigen 11. April erwarten würden.

Am Vormittag wichtiges Meeting mit Workshops und Präsentationen. Für meinen Rückflug mit British Airways (BA 0954) hatte ich wie gewohnt noch vor Mitternacht eingecheckt. Der Veranstalter hatte für uns (mit DMM waren noch ca. 100 KollegInnen aus aller Welt eingeladen) nach Ende des Events mehrere Busse gechartert, die uns nach dem Lunch zum City Airport bzw. nach Heathrow bringen sollten. In meinem Fall war's natürlich Heathrow, gute 40 km entfernt.

Meine Bordkarte besagte, Flug BA 0954 startet in LHR um 16.30 Uhr, Boarding sollte um 15.50 Uhr sein. Weil es unter Kollegen und Kolleginnen immer ein paar Nasen gibt, die entweder die Uhr nicht lesen können oder sich aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen nicht rechtzeitig auf den Weg vom Veranstaltungsort HERE East Campus zum nur 50 m wartenden Bus machten, wurde es halt 13.30 Uhr, bis unser Fahrer endlich den Motor anlassen konnte.

Über den Daumen gepeilt sollte man spätestens um 15.Uhr am LHR Terminal 5 sein, um durch die inzwischen komplexere Security rechtzeitig ans Gate zu kommen. 13.30 Uhr und 15 Uhr? Vom HERE East Campus in Greenwich bis LHR sind es ca. 40 km über gefühlt Tausend verschiedene Straßenabschnitte mit wohl mehr als 1.000 Ampeln, die sich vermutlich alle abgesprochen hatten, uns Rot zu zeigen. Wenn es das bloß gewesen wäre.

Unmöglicher Zeitplan.  Jeder der London kennt, weiß, dass der Zeitplan unseres Veranstalters mehr als ehrgeizig war, um der Wahrheit die Ehren zugeben, es handelte sich um einen klassischen Fall von Verschätzen. Oder anders formuliert: Unsere Maschine zurück nach München just in time zu erwischen, musste scheitern. Den Veranstalter hatten wir am Vormittag noch gefragt, ob der Zeitplan nicht etwas zu knapp bemessen ist. Nö, passt schon, hieß es. Wissen die Briten selber nicht, was in London abgeht? Täglich mehrere Millionen Autos, die sich trotz sündhaft teurer Automaut durch die Straßen zwängen und ein anständiges Vorankommen nicht mal mehr um Mitternacht denkbar ist.

Gepäck ist verstaut, die Nachzügler sind endlich auch an Bord, ab geht die Post. Dachte ich. Nach 50 Metern schon die erste lange Rotlichtphase. Dann aber zockeln wir dahin, vor uns hunderttausend Autos, die typischen roten Doppelstock-Busse, zig Lkw, hinter uns dieselbe Blechlawine. Mehr als 5 bis 10 km/h sind  nicht drin. Noch hat unser Fahrer die Seelenruhe. In Stadtteil South Hackney bewundere ich die wunderschönen alten Wohnhäuser, irgendwann zockeln wir durch Haggerston, Finsbury. Da sind nach wenigen Kilometern schon die ersten 45 Minuten futsch. Weil ich hinter unserem Chauffeur sitze sehe ich, dass auch er allmählich ins Schwitzen gerät. Denn er kann die Uhr lesen und erkennen, wie sie rennt, derweil wir mehr stehen als rollen. Slow traffic, jammert er immer wieder.

Im Nacken sitzen ihm unsere Kollegen aus Madrid und Rom, die ständig vorkommen und ihn löchern, ob wir es denn bis 15 Uhr bis Heathrow schaffen. Ihr Flug geht nämlich 30 Minuten früher als unserer. Hektische Telefoniererei. Auch wir erkundigen uns beim Veranstalter, ob es möglicherweise einen späteren Flug nach München gibt. Zweifel sind uns nämlich auch schon gekommen. Die Antwort des Veranstalters, nein, einen späteren Flug gibt's nicht, aber unser München-Flug hätte sowieso Verspätung. Freude kommt trotzdem nicht auf. Denn weiter geht's mit Schrittgeschwindigkeit. Und der Uhrzeiger marschiert unerbittlich. 14.45 Uhr. Unseren Spaniern und Italiener platzt der Kragen, sie werden unruhig und wollen definitiv wissen, wie lange das noch so weitergehen soll.

Der solchermaßen bedrängte Chauffeur ist sich seiner Sache auch nicht mehr sicher und überhaupt scheint er gar nicht mehr zu wissen, wo wir uns überhaupt befinden. Sein Dauerkontakt ist inzwischen seine Zentrale. Eine Stimme lotst ihn durch die zig Stadtviertel, sagt ihm Linksabbiegen oder Rechtsabbiegen oder gerade aus weiter. Wir zuckeln durch teils beängstigend schmale Sträßchen, links und rechts jeweils nur ein paar Zentimeter zum Gegen- oder im Schneckentempo überholten Verkehr. Dann gibt unser Busfahrer zu, wir schaffen es nicht. Na Bravo.

Wir und sein Dauer-Sprachrohr schlagen ihm vor, die Paddington Station anzusteuern, einer der großen Bahnhöfe Londons, mitten in der Stadt im gleichnamigen Viertel nahe dem Nobelquartier Mayfair. Wir sind nur zwei Meilen entfernt. Wir wissen, dass von dort die Heathrow Expresszüge starten, die in nur 15 Minuten zu Europas bedeutendstem Flughafen sprinten.

Es ist 15 Uhr. Oh je. Wir springen aus dem Bus, zerren unsere Trolleys aus dem Gepäckraum des Busses und hasten die Chilworth Street entlang zum altehrwürdigen hallenüberdachten Kopfbahnhof aus dem Jahr 1838. Der dient heute als östliche Endstation der Great Western Main Line und ist Ausgangspunkt unseres möglichen Retters, des Heathrow Express.

Vorher am Automaten schnell für unsere deutsche Gruppe vier Tickets holen. Ist zum Glück einfach, weil es nur ein Ziel gibt: Heathrow. Bares haben wir nicht, also die Goldkarte rein. 88 britische Pfund, ein stolzer Preis, der uns aber die Hoffnung gibt, es vielleicht doch noch zu schaffen. Und fährt uns der erspähte Express vor der Nase weg, startet eine Viertel Stunde später schon der nächste. Mit 160 Sachen geht's im Affentempo dahin. Wozu man mit dem Auto mindestens 90 Minuten braucht (Strecke Heathrow-Paddington) schafft der in bunte Farben gehüllte Renner auf Schienen in kaum 15 Minuten. Blöd nur, dass er der teuerste Zug Großbritanniens ist.

Verspätungsbenachrichtigung??? Kaum in die Endstation unter Terminal 5 eingefahren, spurten wir hoch zum Abflugbereich. Gottseidank gibt’s einen Aufzug, der locker 30 Personen fasst. Inzwischen hat uns British Airways per Push-Mail benachrichtigt, dass unser Flug BA 0954 tatsächlich verspätet sein soll. Wir schnaufen durch. Gottseidank, wir packen’s doch und kommen heute noch zurück nach München.

Nach der automatischen Passkontrolle die Security. Die nimmt’s bei jedem aber ganz genau. Auch bei mir. Alles auspacken aus dem Trolley. Der und mein Flüssigkeitenbeutel kommen zum Sprengstofftest. Auch mein Laptop muss diese Prozedur über sich ergehen lassen. Der ganze Spuk kostet uns weitere 15 Minuten. Aber wir haben ja Zeit, von wegen der Verspätungsmail. Gemütlich schlendern wir zum Gate A20. Dort schon jede Menge wartende Passagiere. Es ist 16 Uhr. Der eine oder andere von uns schlendert noch etwas im T5 herum, wir bekommen nochmal die Nachricht aufs Smartphone mit der Verspätung. Hä? Gleichzeitig wird zum Boarden aufgerufen, nach Gruppen versteht sich. Spinnen die Briten? Uns soll's recht sein. Nach dem üblichen Stop and Go und Gerangel um den wie immer zu knappen Raum in den Gepäckfächern – viele der Fluggäste schleppen leider gleich mehrere Handgepäckstücke, Rucksäcke und sperrige Dinge mit in die Kabine – haben wir Platz genommen in unserem Airbus A319.

Vorne ist die Cockpittüre offen, naja, die werden gleich zumachen und dann geht's los. Aber dann marschiert eine Horde Techniker an, oder besser rein und raus und wieder rein. Irgendetwas stimmt doch da nicht? Diskussionen im Flightdeck. Inzwischen ist unsere Startzeit längst vorbei. Nach einer Ewigkeit dann die Durchsage des Kapitäns, dass wir ein kleines technisches Problem hätten. Es würde dein bisschen Zeit vergehen, bis alles in Ordnung gebracht ist. Es folgt die bekannte Prozedur: Die Stewardessen reichen Wasser. Oha, ganz was Neues bei BA, wenn man nur ein preiswertes Ticket hat, bei dem man einen ziemlich trockenen Flug ohne Wasser, ohne Snacks, als mit rein gar nichts, durchstehen muss. Eine Stunde ist 'rum. Und noch immer diskutieren sie im Cockpit, tummeln sich achselzuckende Techniker. Schließlich wieder die krächzende Stimme der Borddurchsage: Es wird wohl nichts mit der Reparatur. Wir haben ein Problem mit dem Bugfahrwerk und die Maschine mussn in einen Hangar zur Instandsetzung gebracht werden. BA versuche inzwischen, ein Ersatzflugzeug aufzutreiben. Noch mehrfacher Entschuldigung dann die Aufforderung, die Kabine wieder zu verlassen und zurück ins Terminal zu spazieren.

Gate A1  heißt es jetzt. Also einen halben Kilometer quer durch T5 spurten, zwischendurch noch ein Gang zum WC. Vor dem Gate haben sie wenigstens ein paar Snacks für uns müde Krieger hingestellt und, oh Wunder Nr. 2, eine ganze Batterie an Wasserflaschen. Kostenlos. Es geht dann mit dem neuerlichen Einsteigen, Pass herzeigen muss schon sein, recht flott. Und kaum sitzen wir, macht sich unsere vorherige Kabinencrew an die Arbeit und die Piloten auch.

Es ist 18.30 Uhr (19.30 Uhr deutscher Zeit). Wir rollen kilometerweit über Taxiways zur Startbahn und ohne Stopp gibt das Pilotenduo Vollgas. Die beiden Triebwerke unseres Airbus heulen auf und ruckzuck haben wir um die 200 km/h drauf. Dann oh Schreck, kurz vor dem Abheben ein abruptes scharfes Abbremsen. Sekunden später stehen wir. Was ist jetzt los, fragen sich erschrockene Passagiere. So etwas haben wir auch noch nicht erlebt. Naja, passt irgendwie zur verkorksten Anreise und dem anschließenden Tohuwabohu. Eiligst bemüht sich der Kapitän zu erklären, was denn jetzt wieder passiert ist. Sorry, dass wir schon wieder ein Malheur haben. Ja was denn sonst, frage ich mich. Während des Beschleunigungsvorgangs hätten plötzlich Warnlampen aufgeleuchtet, die den Piloten sagten, dass mit der Temperatur eines der beiden Triebwerke nicht stimmt und, dass die Warnung jetzt wieder verstummt ist.

Man spürt die Erleichterung der um uns herumsitzenden Mitreisenden, wenngleich die nicht englischsprachigen Gäste vermutlich ein Wort verstanden haben. Dann der Kapitän weiter: Wir probieren es einfach nochmal, müssen uns halt wieder an die vor uns stehenden Flugzeuge anstellen. Vor uns waren aber keine. Zurück zum Ausgangspunkt unserer Startpiste. Dann gespanntes Verfolgen, was nun wohl passieren würde. Aber, wieder ein Wunder, es passierte nichts mehr. Nach 1.20 Stunden hatte uns München wieder. Spät, aber nicht zu spät. Gernot Zielonka

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